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Richard fühlte sich alt.

Wie alt wusste er selbst nicht genau. Wenn man ihn fragte, holte er aus einem Winkel seines Gedächtnisses sein Geburtsjahr hervor.

Er hatte seit Jahren nichts Besseres zu tun, als sich auf der Reeperbahn einen anzutrinken und anschließend in St. Georg abzusaufen, um dann zwei oder drei Drogennutten zu ficken, vielleicht eine mit nach Hause zu nehmen, was bei den St. Pauli Fotzen nicht funktionierte.

Seine einzige Liebe, falls die echt gewesen war, hatte ihn längst verlassen, dass hatte sein Herz endgültig taub gemacht.

Die Mädchen hatten ihn immer gemieden, er war ein Stotterer. Die Schule hatte er gehasst. Die anderen Kinder liefen hinter ihm her und hänselten ihn. Er hasste sie. Kein Lehrer hatte je geholfen, die hatten ihm schlechte Noten gegeben. Niemand war für dem Stotterdeppen wirklich da, weder seine Eltern noch die Logopäden, die die Krankenkasse notgedrungen zahlte. Für viele war es nachträglich klar gewesen, dass der komische Kautz im Knast landetet. Da gehörte er offensichtlich hin.

Als die kleine Alina verschwand, deren vergewaltigte Leiche später im Wald gefunden wurde, stand fest, wer der Täter war. Mit dem Stotter-Richard war sie das letzte Mal gesehen worden.

Eine Schande, dass der Schlüssel nicht weggeworfen wurde, im Marianengraben hätte der versenkt werden müssen … Patronenhülsen wurden als Zäpfchen für Pädophile gepostet … aber am Ende kam das Monster auf Bewährung frei und durfte seitdem in Hamburg rumgammeln.

Nun schlenderte Richard besoffen nach Hause. Das Geld fürs Taxi hatte er verloren und offensichtlich hatte er sich in seinem Suff verlaufen, als er an der Babyklappe vorbeikam, vor der sich ein Drama abspielte.

Das Paar vor dem Krankenhaus stritt in einer fremden Sprache. Verdeckt blieb Richard in den Büschen stehen und beobachtete das Geschehen. Er traute sich nicht einzugreifen.

Der Mann brüllte auf die Frau ein, die ein heulendes Bündel in die Babyklappe legte, womit es offenbar ein Problem gab. Die Mutter wollte die Klappe nicht schließen, aber der Typ kam ihr mit einem Messer dazwischen, dass er ihr in den Bauch rammte.

Blutverschmiert rannte er davon, ohne sich um irgendwas zu kümmern.

Richard wollte eigentlich nur nach Hause und mit so einem Müll nichts zu tun haben. Das würde seiner Bewährung nur schaden. Womöglich käme er wieder in den Knast. Wäre ja klar, wer Täter ist. Auf die simpel strukturierte Polizei mit ihrer Vorurteillastigkeit hatte er null Bock.

Aus der Klappe ertönte ein hilfloses Wimmern, davor war das Stöhnen einer sterbenden Mutter zu hören. Er konnte sich dem nicht entziehen. Das Wimmern des kleinen Wesens, das hilflos zwischen Sein und nicht Sein war, während seine Mutter vor ihm starb, zog ihn magisch an.

Er hatte wenige Sekunden. Schnell huschte er aus seinem Versteck über die Straße und verschaffte sich einen Überblick. Richard hatte einiges im Knast gesehen und wusste sofort, der Frau war nicht mehr zu helfen.

Die Klappe war noch offen, somit war kein Alarm ausgelöst.

Behutsam nahm er das kleine in Tüchern verpackte Kind heraus.

Fang bloß nicht an zu schreien, ich hasse das, lächelte er in das Gesicht von dem er nicht wusste, ob es einem Mädchen oder einem Jungen gehörte, worauf das Baby verstummte, mit dem er in der Nacht verschwand.

Zehn Jahre später gab es im Frühstücksfernsehen eine Sensation.

»Richard Bauer, Sie waren viele Jahre unschuldig im Gefängnis. Heute ist eindeutig dank DNA bewiesen, dass Sie nicht der Täter waren. Nun bekommt ihr wunderbares Kinderbuch, das Sie hinter Gittern geschrieben haben und das millionenfach verkauft wurde, ein Autorengesicht. Millionen Menschen warten darauf, den Schreiber zu sehen und endlich seine Stimme zu hören. Wir freuen uns darauf, dass sie ausnahmsweise dazu bereit sind.«

Richard wirkte mit gepflegtem Dreitagebart intellektuell. Sein Maßanzug stand ihm ohne Krawatte gut.

Er nahm das Mikro und stotterte: »Nein, ich werde nicht selbst lesen, meine zehnjährige Tochter kann das viel besser. Ich habe nur aufgeschrieben dass ich mir als Kind Liebe gewünscht habe.«

Eine Träne lief ihn übers Gesicht, als er das Mikrofon an das dunkelhäutige Mädchen an seiner Seite weitergab.

»Danke, dass du mein Papa bist!«, sagte das Kind, bevor es Vorzulesen begann.

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